Wenn manche Menschen hören, dass ich Biografin bin, sagen sie gleich: „Na, da wären Sie bei mir schnell fertig! Ich habe nichts Besonderes zu erzählen.“

Mit Verlaub, aber das kann ich mir nicht vorstellen!

„Besonders“ ist jedes Leben schon dadurch, dass es einzigartig ist. Kein anderes ist je ebenso verlaufen. Selbst Geschwister, selbst Zwillinge erzählen ganz andere Geschichten auch von den Zeiten, in denen sie gemeinsam aufgewachsen sind.

Aber ist jede Einzigartigkeit schon interessant genug für eine Biografie?

Interessant im Sinne von „bedeutsam“ oder „aufschlussreich“ sind biografische Erinnerungen häufig für denjenigen, von dem sie stammen: Erst in der Rückschau erkennt er Lebensthemen und Entscheidungsmuster, die sich durch seine Geschichte ziehen wie der rote Faden durch das Schiffstau der königlichen Flotte. Er kann erkennen, was das Leben ihn gelehrt hat und bei besonderen Herausforderungen sehen, wozu sie im Nachhinein gut gewesen sind.

Interessant im Sinne von „wissenswert“ sind biografische Erinnerungen auch für die Nachkommen. Sie verstehen, wie anders die Kindheit von Vater oder Oma abgelaufen ist, wie sie geprägt wurden und was man ihnen – weiß man davon – noch heute im Verhalten anmerkt. Sie gewinnen auch einen Blick für die Zeitzeugenschaft ihrer Vorfahren: Sie haben Krieg erlebt und Wirtschaftswunder, Gottesfurcht und strenge Autoritäten, Kalten Krieg und deutsche Mauer, haben Sport nicht virtuell, sondern völlig analog betrieben und Schokoküsse noch bedenkenlos unter anderem Namen gegessen. Alles Dinge, die sich keiner mehr vorstellen könnte, würden nicht die Eltern, die Großeltern davon schreiben. Es mag auch eine Erklärung darin zu finden sein für manche vermeintlich „vorsintflutliche“ Ansicht.

Interessant im Sinne von „aufschlussreich“ sind biografische Erinnerungen auch, wenn man sich als Nachkomme fragt, was die Vorfahren nur geritten haben kann, als sie die eine oder andere Entscheidung trafen. Woher kommt die unbedingte Fortschrittsgläubigkeit? Woraus speist sich ihre beneidenswerte Gelassenheit? Oder gerade das Gegenteil: Wie kamen sie dazu, alle Kraft in die Karriere zu stecken, ohne jedes Gefühl für eine gesunde Work-Life-Balance? Antworten auf solche Fragen finden sich oft in der Biografie, sofern sie beizeiten festgehalten wurde.