Man trifft sich wieder unter Freunden. Verstohlen die Haushalte zählend, aus denen die Geladenen kommen. Die Masken, an der Haustür noch getragen, sind inzwischen in den Hosentaschen verschwunden.

„Ilse, dich habe ich lange nicht gesehen!“ Auf die Wiedersehensfreude folgt die Unsicherheit, welche Begrüßungsform gewünscht wird. Der kumpelhafte  Ellenbogenstüber, das zarte Stupsen mit der geschlossenen Faust oder sogar – was soll’s! – die altgewohnte Umarmung?

Das brauchen wir – nicht nur im Siegerland

Ilse reißt sofort die Arme auseinander: Sie will gedrückt werden. „Dat bruche mer itz!“, macht die Siegerländerin unmissverständlich klar. Menschen brauchen Berührungen! Der Tastsinn ist der erste Sinn des Menschen, der schon ab dem zweite Monat der Embryonalentwicklung funktioniert. Einen solchen Stellenwert gibt ihm die Natur. Ohne den ausreichenden und wohlmeinenden Körperkontakt von nahestehenden Anderen geraten zentrale Körperfunktionen durcheinander wie der Wärmehaushalt, das Immunsystem oder der Kreislauf. Vom Herzen in allen seinen Facetten ganz zu schweigen, wir brauchen Herzlichkeit!

Berührungsangst

Doch in den vergangenen Monaten haben sich die Berührungsängste breit gemacht. Da ist der Mann in Patchwork-Beziehung, dessen Beutekinder ihn plötzlich nicht mehr am gemeinsamen Tisch haben wollen: Ist er nicht ein fremder Haushalt? Zur Sicherheit soll er wieder in seinen eigenen vier Wänden leben. Die geschnippelte Paprika stellt er jetzt eingetuppert vor die Tür der Freundin, die Portion Auflauf für seine Mikrowelle nimmt er etwas später von der gleichen Schwelle wieder mit. Gemeinsames ohne Begegnung.

Inzwischen spielen Inzidenzen keine Rolle mehr, solange der G-Wert stimmt. Die Theater spielen wieder, die Orchester geben Konzerte. Aber das Publikum kommt nur zögerlich. Ist es nicht besser, man bleibt zu Hause? Die vielen Menschen, die Türklinken, die jeder anfasst, auch getestet und geimpft: Was weiß man schon, wer Virusträger ist? Bleibt nicht immer ein Restrisiko?

Unroutiniert im Aufraffen

Man braucht ja auch kaum noch aus dem Haus: Homeoffice, Homeshopping, Zoom-Konferenzen und Streaming-Dienste bringen alles, was den Tag füllt, digital bis an die Bettkante. Aufmerksamkeit, Streicheln, körperliche Nähe – viele suchen sich diesen Zuspruch jetzt bei Tieren: Seit dem ersten Lockdown gibt es eine anhaltend hohe Nachfrage nach Kätzchen, Welpen und anderen kuscheligen Kleintieren.

Wir haben unsere Routinen so geändert, dass es unerwartet schwer fällt, sich wieder aufzuraffen und echte Begegnungen zu wagen. Wie sieht es mit Ihrer eigenen Berührungsempfindlichkeit aus?

Wovon lassen Sie sich berühren?

Schreiben Sie über Berührendes:

  • das sanfte Ertasten mit Fingerspitzen, Lippen oder Händen
  • das starke Zupacken, Schlagen mit der Faust
  • Berührungsspannung
  • Berührungspunkte
  • Berührungsängste und –verbote
  • berühren im Sinne von
    • fühlen, tasten, streifen – Was haben Sie gern in der Hand?
    • befummeln, antatschen – Wovon können Sie schlecht die Finger lassen?
    • berühren, ergreifen, beeindrucken, aufregen oder befremden – Was geht Ihnen wirklich nahe?
    • ansprechen, erwähnen – Was wollen Sie mal wieder berühren?

Schreiben Sie Ihre berührende Geschichte, ohne Mindestabstand, ohne Desinfektion!

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