Von Lieblingsliedern, Schicksalsmelodien und Herzen im Gleichklang

Sie war schon über 88 Jahre alt und eine treue Christin, als sie von ihrer Kirchengemeinde gefragt wurde, welches Lied ihr am meisten bedeutet hatte im Leben. Es sollte eine Ausstellung dazu geben. Sie wählte nichts von Paul Gerhardt und auch nichts von Martin Luther, sondern „Kauf dir einen bunten Luftballon“. Zu diesem Foxtrott aus den 40er Jahren hatte sie als Kind einmal heimlich ihren Vater tanzen sehen, angeschmiegt an eine Blumenvase, die er zärtlich mit den Händen umfing. Als Mädchen hatte sie dieser Anblick zunächst verstört: Der Vater, ein gestandener Autohändler! Durfte er sich so gehen lassen? Als Erwachsene aber hat sie sich die Fähigkeit zum Beispiel genommen, sich seine Lebensfreude zu erhalten und seine Leichtigkeit, trotz aller Schwere.

Der Mensch ist nicht gern allein

Im Altenheim gestaltete der gemischte Chor einen bunten Nachmittag mit Sommerliedern. Als das letzte Lied verklungen war, hörte man eine demente Frau, die kaum noch sprach, mit rauchiger Stimme singen: „In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine…“ – ein Gänsehaut-Moment. Marika Rökk, ebenfalls aus den 40er Jahren.

Neil Young gegen Koliken

Das von Dreimonatskoliken gequälte Baby schrie ohne Unterlass. Kein Kuscheln und Herumtragen, keine tröstenden Worte und keine Waschmaschine konnten es beruhigen. Erst als der Vater Neil Young auflegte, entspannte sich das Kind. Ausgerechnet beim harten Gitarren-Grunge Youngs mit seinen akustischen Rückkopplungen. Sobald der Sound verklang, wallte das Schreien wieder auf. Navid Kermani hat über diese Lebensphase seiner Tochter und die heilkräftige Wirkung der Musik Neil Youngs ein ganzes Buch geschrieben.

„Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen singen keine Lieder“, das schrieb mir mein Großvater 1979 ins Poesiealbum. Im Augenblick hat das Singen keinen guten Stand: Zu viele Aerosole! Dabei trägt Musik neben den feinen Tröpfchen mehr Emotionen, als man in Worte fassen kann. Erst die Musik verleiht dem Handkäs seinen unverwechselbaren Geschmack. Erst der Rhythmus bringt die Herzen in Gleichklang.

Mit Tonband und Single

Wenn das „Dies Irae“, voll aufgedreht, vom Tonband in der Musiktruhe durch das Haus schallte, wussten wir früher, dass Karfreitag war. Vaters Tonbänder waren seine Welt. Wir hörten eher anderes: „Die Wanne ist voll“ und „Du musst doch nur den Nippel durch die Lasche ziehen“ waren die ersten Singles, die ich mir vom eigenen Taschengeld beim Pfadfinder-Flohmarkt kaufte. Didi Hallervorden habe ich verehrt. Ich konnte die Singles auf einem mintfarbenen Plattenspieler hören, der in einen Lederkoffer eingebaut war – ein Erbstück meiner Mutter. Für die Singles mit dem großen Mittelloch brauchte ich einen Puck als Adapter. Jahre später, als Didi und Helga Feddersen nicht mehr zum Nabel meiner Welt gehörten, spielten meine großen Geschwister und ich mit dem Gedanken, mit den Papierhüllen unserer wertlos gewordenen Single-Sammlung das Gästeklo zu tapezieren: Die Fratzen von „Kiss“ und die silbernen Weltraum-Kostüme von „Boney M.“, die gehörten doch irgendwie dauerhaft zu unserem Leben.

Kassetten-Geschichten

Der „Grand Prix d’Eurovision“ hieß 1980 selbstverständlich französisch, und wir nahmen ihn auf eine Kassette auf, die anschließend mehrmals überspielt und unzählige Male gehört wurde. Man hörte darauf leider auch die in die Aufnahme hineinpolternden Eltern und unser wütendes „Psst!“-Zischen. Bei Bandsalat wickelten wir die Bänder geduldig mit einem Bleistift wieder auf.

„Almost heaven, West Virginia“ gehört zu Klampfe und Pfadfinder-Lagerfeuer. „Skandal im Sperrbezirk“ gehört zur Schulfete. Zur Straßenmusik gehört der Bettler, der sich ärgerlich seinen Weg durch die Zuhörenden bahnte, um dann wie elektrisiert stehenzubleiben. Nach unserem Streichquartett-Stück fragte er mit belegter Stimme und glänzendem Blick: „War das das Largo von Händel?“ Wir hatten die richtige Saite in ihm angeschlagen. Entspannungsmusik, unterlegt mit den unhörbar tiefen Frequenzen von Walgesängen, gehört zur Familiengründung. Zu ihr sind meine Kinder abends eingeschlafen.

Was sind Ihre Schicksalsmelodien?

Ich könnte eine ganze Biografie füllen mit Musik, die tiefe Erinnerungsspuren in meinem Leben hinterlassen hat. Welche Schicksalsmelodien haben Sie begleitet? Wann hing der Himmel voller Geigen? Und woher kam das Hörerlebnis: Vom Volksempfänger, Ghettoblaster, aus dem Handy oder live?

Nehmen Sie sich einen Stift und schreiben Sie Ihre Musikgeschichte!

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