„Einszweidrei, im Sauseschritt läuft die Zeit; wir laufen mit.“ (Wilhelm Busch)

„Wenn du es eilig hast, gehe langsam. Wenn du es noch eiliger hast, mach einen Umweg.“ (japanisches Sprichwort)

Zahllose Sinnsprüche ranken sich um die Zeit. Nüchtern betrachtet, ist sie eine klar definierte physikalische Größe. Biografisch betrachtet ist sie jedoch ein ewiges Mysterium: Mal rennt die Zeit dahin, mal will und will sie nicht vergehen, mal weiß man nicht, wo sie geblieben ist, mal scheint sie still zu stehen.

Zeit ist auch eine Frage der Kultur: Ich bin mit Wilhelm Busch aufgewachsen und ein klarer „Einszweidrei, im Sauseschritt“-Typ. Um ein japanisches Sprichwort zur Zeit zu verstehen, müsste ich lange meditieren, – wofür ich selten ein Zeitfenster übrig habe.

Eine Lebenslehre zum sinnvollen Umgang mit Zeit habe ich in Ostfriesland erfahren. Da klingelte ich als frisch zugezogene Großstädterin bei Bekannten, um auf dem Weg zum Familien-Großeinkauf schnell was zu fragen, was noch auf „To Do“ stand. Das Gespräch an der Tür lief etwa so ab:

„Moin, Frerich! Ist die Janette da? Ich will sie kurz mal was fragen.“

„Moin, Adele! Jo, dann komm mal rein, setz dich, nimm dir einen Tee.“

„Du, total lieb, aber ich will wirklich nicht stören. Ich habe nur ein kurze Frage.“

„Komm rein, setz dich, trink einen Tee.“

„Ehrlich, geht ganz schnell.“ Manche Dinge muss man dreimal sagen.

Ostfriesen lassen sich kaum aus der Ruhe bringen. Auch Frerich nicht, und doch schlug er jetzt einen deutlich bestimmteren Ton an: „So macht man das bei uns in Ostfriesland aber nicht! Du kommst jetzt rein“ (energische Geste ins Haus), „setzt dich“ (die Hand stach nach unten) „und trinkst einen Tee!!!“

Abwarten und Tee trinken

Kleinlaut folgte ich dem Hausherrn in die Küche, nahm auf dem Ostfriesensofa Platz, zangelte einen Kluntje in mein Tässchen, ließ mir den dunklen Ostfriesen-Tee einschenken und hellte ihn mit einem Wulkje Sahne wieder auf. Drei Tassen Tee sind Ostfriesenrecht. Schlürfen ist erlaubt, mit Türen in Häuser fallen und lästige Fragen stellen nicht, bevor nicht die dritte Tasse bis zum Grund getrunken ist. Danach war auch Janette zu sprechen, und hinter meine Frage konnte ich bald ein geistiges Häkchen setzen.

Relativitätstheorie

Nach einigen Jahren in Ostfriesland und unzählige Tässchen Tee später bin ich deutlich ruhiger geworden. Und die Magie dahinter: Die Zeit, die ich mit Teetrinken verbracht habe, hat mir nie anderswo gefehlt! Vermutlich greift da die Relativitätstheorie, wonach die Zeit nicht an allen Orten gleichmäßig schnell vergeht. Je schneller sich ein fliegender Satellit bewegt, umso langsamer läuft auf ihm die Zeit, und auch das Umgekehrte scheint zu gelten: Je bedächtiger ein Ostfriese seinen Tee trinkt, desto schneller kriegt er danach alles Wichtige erledigt. Oder desto zielsicherer erkennt er, was wirklich wichtig ist im Leben.

Was hat Sie das Leben über die Zeit gelehrt?

Sind Sie ein eiliger Typ oder eher gemütlich?

Kommen Sie mit dem Glockenschlag oder eher „cum tempore“?

Nehmen Sie sich einen Stift und schreiben Sie Zeitgeschichte!

Und falls Sie gleich weiterschreiben wollen: Beachten Sie meine weiteren Biografischen Impulse.