In meiner Familie ist das Weihnachtsfest immer schon hochgradig durchritualisiert gewesen. Doch es wäre nicht Weihnachten, wenn nicht ab und an etwas Unerwartetes geschähe und einen auf besondere Weise berührte.

Mit dem Bach-Chor im Gefängnis

Für mich war das der Auftritt mit dem Bach-Chor beim Gefängnisgottesdienst zu Weihnachten. Der Pfarrer versicherte uns, die Insassen hätten extra für diesen Anlass die Haare gekämmt und eine frische Jeans angezogen, so sehr wüssten sie unseren Besuch zu schätzen. Und dann dieser Loriot-Moment, als wir „Heut schleußt er wieder auf die Tür“ sangen – Gänsehaut! Immerhin war es nicht „bis hierher hat uns Gott geführt“…

Für die Alten und Einsamen

Biografisch bedeutsam war auch das Weihnachten, als wir gerade frisch Pfarrersfamilie in Ostfriesland geworden waren. Die Gemeinde hatte ein altes Blockhaus neben der Kirche. Als frisch zugezogene Städter mit Sendungsbewusstsein wollten wir etwas für die Alten und Einsamen tun, für die die Festtage so schwer zu überstehen sind. Wir verteilten bunt gedruckte Einladungen, mit diesem Bild verziert, und boten an, mit uns zusammen in der Blockhütte Heiligabend zu feiern, fast ein bisschen wie einst in Bethlehem. Wie erwartet, stießen sie auf Begeisterung: „Tolle Idee!“ Wir bekamen jede Menge Zuspruch. Freundliche Schulterklopfer. „Werden Sie denn kommen?“, fragten wir zurück.

Auf keinen Fall! Niemand wollte so tief fallen, dass er ein solches Angebot nötig hätte. Aber viele wussten zu schätzen, dass es gemacht wurde. So wie heute nur noch wenige in die Kirche gehen, aber deutlich mehr Menschen Trost daran finden, dass es andere tun. Wir setzten uns trotzdem am Abend in die Blockhütte, nur für den Fall, und statt Ochs und Esel gesellten sich auf einen Glühwein Kirchenvorstand und Krippenspiel-Betreuer dazu. Zumindest diese Glühwein-Runde haben wir fortan jedes Jahr gehabt.

Welches Weihnachtserlebnis hat sich in Ihre Erinnerung eingebrannt? Schreiben Sie es auf!