Wie Joel Stein seine Biografie an nur einem Tag schreiben ließ

Joel Stein ist amerikanischer Journalist, bekannt für seinen schrägen Humor, und hat 20 Jahre lang Kolumnen für das Time Magazine geschrieben. Als Sarah Palin, Republikanerin und Aktivistin in der Tea-Party-Bewegung, ihre 400-seitige Autobiografie „Going Rogue: An American Life“ herausgab, hieß es, sie habe vier Monate daran gearbeitet. „Warum hat sie so lange gebraucht?“, fragte Stein in seiner Kolumne.

„Um zu beweisen, dass Selbstbeobachtung nicht zeitraubend sein muss, beschloss ich, meine Memoiren an einem Tag zu schreiben“, schrieb er weiter. Ein Tag sollte reichen, um seine Memoiren „Rogue Journalist: An Even More American Life“ zu verfassen. Und wie Palin ließ er sich dabei von einem Ghostwriter helfen – Neil Strauss, der bereits reichlich Promi-Erfahrung hatte.

Die Kolumne ist sicher nicht vollständig ernst gemeint gewesen. Und trotzdem ist es eine interessante Biografie-Anregung, an der man sich auch als Selbstschreiber versuchen kann: Was bringe ich zu Papier, wenn ich mir nur einen Tag Zeit nehme, meine Biografie zu schreiben?

Einstieg am Wendepunkt

Zunächst gab Strauss als Ghostwriter-Regel vor, dass Stein absolut ehrlich sein und Dinge preisgeben müsse, die er nicht einmal seiner Frau erzählen würde. Er willigte ein.

Dann suchte Strauss für den Anfang den interessantesten Punkt im Leben, der nicht offensichtlich ist. Bei einer Politikerin wie Palin sollte der Einstieg also nicht mit Nominierung oder Wahlkampf zu tun haben, bei Stein nicht mit dem Time-Magazin. Aber der Anfang sollte von einem Wendepunkt handeln, einem Tiefpunkt, einer Gefahr, einer überraschenden Entscheidung. So werden die Leserinnen und Leser sofort mit einer spannenden Episode in die Geschichte hineingezogen. Eine gute Anregung.

Arbeitstitel formulieren

Als nächstes suchten Strauss und Stein nach einem geeigneten Titel, einer Überschrift also, die möglichst das zentrale Thema der Biografie bereits widerspiegelt, die Andeutung eines roten Fadens. Bei Stein war das einfach: Es ging ihm um Abgrenzung zu Sarah Palin. Aber auch für ernsthafte Biografen kann es strukturell helfen, das Thema und damit das Ziel der Biografie gleich am Anfang bereits als Arbeitstitel zu formulieren.

Im nächsten Schritt legte Stein die Kapitel fest, die er in seiner Blitzbiografie haben wollte. In seinem Fall lauteten sie so: 1) Kindheitstrauma, 2) Wendepunkt, der mein Leben veränderte, 3) Aufstieg gegen alle Widrigkeiten, 4) Promi Name-Dropping, 5) Tiefpunkt, 6) Erlösung und Genesung.

Das Salz in der biografischen Suppe

„Wir dachten uns beide, dass wir lange suchen müssten, um irgendetwas Interessantes über mein Leben zu finden, aber innerhalb einer halben Stunde war ich von meinen eigenen Abenteuern hellauf begeistert“, schrieb Joel Stein. Das liegt auch daran, dass er beim Setzen seiner Themen bereits manches richtig gemacht hat. So war ihm klar, dass eine lesenswerte Biografie Spannung braucht, und die entsteht dadurch, dass der Protagonist eine Schwierigkeit nach der anderen zu meistern hat – Traumata, lebensverändernde Wenden, Widrigkeiten und Tiefpunkte. Manche Menschen sind versucht, diese Themen in ihrer Biografie auszulassen. Joel Stein aber hat erkannt, dass gerade sie das Salz in der biografischen Suppe sind. Das Leben ist nie einfach! Man will es auch nicht vorgegaukelt bekommen.

Richtig ist auch, in einer solchen „Blitzbiografie“ vor allem das näher zu schildern, das vom Erwartbaren abweicht. „Promi Name-Dropping“ könnte man ersetzen durch Menschen, die das Leben entscheidend beeinflusst haben – Vorbilder, Mentoren, Wegbegleiter. Sie sollten mit ihren Besonderheiten und ihrer Bedeutung für den eigenen Lebensverlauf vorgestellt werden.

Frieden machen

Gut ist auch, sich um einen abgerundeten Schluss zu bemühen. „Erlösung und Genesung“ könnte man übertragen in eine Akzeptanz des Lebens, wie es gelaufen ist. Es ist nicht immer leicht gewesen, man hat nicht alles richtig gemacht, aber am Ende hat doch Vieles einen guten Sinn gehabt. Man kann es wertschätzend und im inneren Frieden betrachten – das ist die Genesung.

Die „Blitzbiografie“: Sie muss nicht unbedingt an nur einem Tag geschrieben werden. Aber eine Biografie zu verfassen, muss auch kein unendliches Unterfangen werden.

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